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Hohe Grube - Tirol wandern

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Mit einem Mal ging's plötzlich um die Wurst. Obwohl sich jahrelang niemand um den Mullwitzkogel (2.767 m) geschert hatte - einen völlig unbe-deutenden Klapf über dem hintersten Virgental. Kein Steig führte auf seinen Gipfel, sogar der altehrwürdige „Alpen-vereinsführer Venedigergruppe" brandmarkte ihn mit dem Attribut „keinerlei Bedeutung für Bergsteiger". Viel zu groß war die Konkurrenz der Venediger-Gipfelprominenz rundum. Und so fristete der Mullwitzkogel sein wenig beachtetes Dasein als Füllmaterial im Osttiroler Panorama - Dutzendware für den alpinen Ramschtisch sozusagen.
STURM DER ENTRÜSTUNG
Bis dann 2007 die Marketingstrategen auf den Plan traten. Sie rückten just diese alpine Schattenpflanze als Werbeträger ins Rampenlicht: Der Mullwitzkogel sollte auf „Wiesbauerspitze" umgetauft werden - nach einer Wiener Wurstfirma. Womit deren PR-Abteilung vermutlich nicht gerechnet hatte: Mit einem Schlag wurde der alpine Nobody zum Identifikati-onsobjekt für viele. An Stammtischen wie in Gemeindestuben stieg der Blutdruck, im Blätterwald rauschte es vernehmlich. In den (bekanntermaßen oft gar nicht so) sozialen Netzwerken begannen die Pöbler zu zündeln. Im Nu stiegen dunkle Stimmungswolken vom Scheiterhaufen 2.0 auf und ballten sich zu einem digitalen „Shitstorm" zusammen, der sich schließlich über die Verantwortlichen ergoss. Die Kritiker sahen in der Gipfel-Umbenennung den Gipfel der Profitgier, den Ausverkauf der Natur und Respektlosigkeit gegenüber Kultur und Traditionen. Männer (?) der Tat machten sich sogar auf zum Stein des Anstoßes und pflanzten ihm als Zeichen des Protestes ein alternatives Gipfelzeichen (Aufschrift: „I bin da Mullwitz") aufs Haupt. Andere wiederum äußerten durchaus Verständnis für die Namens-Patenschaft in der kleinen Gemeinde Prägraten. Schließlich wird auch seit Jahren bundesligareif in einem Stadion gekickt, das das flügelverleihende Aufputschgetränk seines Besitzers im Namen führt genauso wie das dortige Team selbst. Und heimische Fernzüge tragen sowieso längst Namen, die ebenso holpern wie der Gleiskörper darunter: „Kufstein - die Perle Tirols", „Europäischer Computerführerschein", „Urlaub am Bauernhof", „Karriere beim Heer" oder Erlebnis Demokratie"... Wer legt also fest, wie ein Berg heißt? Ist das auf ewig in Sprachschatz und Landkarten eingemeißelt? Oder sind Namen längst Marketing-Verhandlungsmasse?
WIESBAUERWEG: KNAPP VORBEI
Was der Namens-Coup aber auf alle Fälle gebracht hat: Auf-merksamkeit, eine werbewirksame Berichterstattung und einen eigenen Wanderweg: Seit 2009 führt hinter den tosenden Umbalfällen ein neuer Steig auf die nunmehrige Wies-bauerspitze, bezahlt vom Wurstwaren-Sponsor. Und eines muss man schon sagen: Beim Wegebau ist absolut nicht übertrieben worden. Es ist keine breite Touristenpromenade entstanden, sondern ein schmales, aber gutes Steiglein, das sich in Serpentinen geschickt durchs Steilgras nach oben schummelt, Auge in Auge mit Enzian & Co. Denn hier ist das Gelände dermaßen steil, dass man botanisieren kann, ohne sich allzu weit bücken zu müssen - was im wahrsten Sinne des Wortes sehr entgegenkommend vom Berg ist ...
Und noch einen - vermutlich unbeabsichtigten - Vorteil hat der neue „Wiesbauerweg": Er führt bis auf eine Gehstunde an eines der schönsten Platzerl Osttirols heran: die Hohe Grube (manchmal auch: Hohen Gruben). Lange Zeit war dieser völlig vergessene Winkel aus dem Umbaltal nur schwierig und umständlich zu erreichen: von der Cla-rahütte über den eifersüchtig gehüteten Quirlweg (auch
„Alpenkönig-Route"). Der kann heutzutage allerdings nicht mehr mit gutem Gewissen empfohlen werden - zu schwer auffindbar, zu haarig ist dieses Steilflankensteigerl mittler-weile geworden. Dank des neuen Wiesbauerwegs ist der Zugang in die Hohe Grube nun wesentlich vereinfacht.
HOHE GRUBE: SEEN-OASE UNTER FELSEN „Hohe Grube" klingt wirklich nicht beeindruckend. Im Ge-genteil: Dieser Name ist in etwa so profan wie flächende-ckend tätowierte Fußballer-Arme bei der diesjährigen WM. Spektakulär hingegen ist das Naturjuwel, das sich hinter der banalen Ortsbezeichnung versteckt: Eine grüne Oase mit wilden Felsgipfeln rundum. Ein letzter Außenposten der heiteren Virgentaler Bergwiesen, bevor's nach oben hin rasch wüst und schroff wird. Fast hat man den Eindruck, dass sich die Geologie rundum einmal so richtig austoben wollte - sie zeigt, was sie in punkto Farben und Formen so drauf hat. Und genau an der Nahtstelle zwischen Herbem und Lieblichem verbirgt sich das vielleicht idyllischte Seen-Ensemble des Osttiroler Hochgebirges: drei namenlose Seen, wie dunkle Tintentropfen hingekleckst, dekorativ von wogendem Wollgras umstanden. Hier lässt sich vortrefflich faulenzen und im Gegenlicht träge zur gegenüber liegenden Lasörlinggruppe hinüberblinzen. Es wollen ja schließlich neue Bergziele ausgemacht werden.
An sich wäre dieses Ambiente ja eine Top-Adresse für eine gepflegte Zeltnacht - wenn das in Tirol insgesamt (und im Nationalpark Hohe Tauern ganz besonders) nicht verboten wäre. Das stört aber nicht allzu sehr, denn auch vom Tal aus gehen sich rund 1.300 Höhenmeter Auf- und Abstieg an einem langen Tag schon noch aus. Außerdem siebt die konditionelle Eintrittshürde verlässlich aus: Zumindest bisher hat sich die Hohe Grube jedenfalls noch ihren Dornröschenschlaf bewahrt. Und voraussichtlich wird das auch noch länger so bleiben - trotz neuerdings erleich- tertem Zugang.
Wer aber zusätzlich noch einen der vier Dreitausender über der Hohen Grube besteigen will, muss in jedem Fall topfit sein. Denn dann kommen, je nach Ziel, zum Hohe Gruben-Zustieg noch einmal 350 bis 600 Höhenmeter dazu. Was wahrscheinlich nur mehr echte Konditionsbolzen schaffen. Für die aber lohnt es sich wirklich. Denn die Hohe Grube wird von einem wirklich wilden Bergkranz umzingelt: rundum mächtige, unverwechselbare Bergpersönlichkeiten, inklusive (vermutlich) unbestiegener Grate - echtes alpines Niemandsland also. Wo, bitte, gibt's das heute sonst noch in den Alpen?
QUIRL: EINZIGARTIGES FELSUNGETÜM Wer vor Kollegen mit dem Quirl (3.251 m) prahlen möchte, sollte gut mit Debakeln umgehen können. Die Reaktionen werden irgendwo zwischen Achselzucken und blankem Desinteresse liegen - falls einem nicht gleich jemand nahelegt, man möge ihn bitte mit seltsamen Vintage-Küchengeräten verschonen. Fix ist: Nur ganz wenige Eingeweihte kennen diesen Gipfel über der Hohen Grube. Und noch weniger sind dem Quirl schon einmal aufs Haupt gestiegen.
Am Erscheinungsbild kann's nicht liegen. Das taugt nämlich durchaus zum Angeben. Der Quirl ist nicht nur der Höchste unmittelbar über der Hohen Grube, sondern hat auch eindeutig Format: Ein zerfurchtes Ungetüm, das an die Ruine eines Stockzahnes erinnert. Glatte, rostbraune bis gelblich-graue, schräg gestellte Plattenpanzer treffen hier auf Grate, die aussehen, als hätte man sie mit dem Sandstrahlgebläse messerscharf herausmodelliert. Und das, obwohl der Quirl-Fels an manchen Stellen in etwa so verlässlich ist wie Blätterteiggebäck. Eine bizarre Kapriole der Natur also, die rein optisch so gar nicht in unsere Zentralalpen passen will. Vergleichbares findet man am ehesten noch rund um die Rote Säule über der Sajathütte.
Dabei versteckt der Quirl seine Reize nicht einmal. Er ist vielmehr Protagonist in einem der klassischsten Osttiroler Postkartenmotive: vorne die St. Nikolaus-Kirche bei Mat-rei, dahinter der reich gedeckte Tourentisch rund um die Malhamspitzen - mit dem Malhamkees, hingeworfen wie ein eisiges Tischtuch, und eben dem Quirl. Der hat sich, wie sich das bei Tisch gehört, auf der Nordostseite ein dekoratives Gletscherlatzerl umgehängt. Das allerdings ist stark geschrumpft, weil es zu heiß behandelt wurde. Und zwar nicht in der Waschmaschine, sondern vom Klimawandel.
Was bei soviel Wildheit am meisten erstaunt: Dem Quirl ist gar nicht so schwer beizukommen. Eduard Franzelin und Irigenuin Hechenbleikner - damals ein erfolgreiches Duo, abonniert auf wilden Bröselfels - waren anno 1908 am Quirl-Nordwestgrat sogar „sehr enttäuscht, denn wir hatten uns auf viel schwerere Arbeit gefaßt gemacht gehabt." Und tatsächlich: Auch Normalverbraucher besitzen auf diesem Normalweg gute Karten. Zumindest, wenn sie im steilen Geröll genügend Gleichmut aufbringen und leichten Kletterstellen auf selt-
sam rundem Bratschenfels gewachsen sind.
Fazit: Vermutlich einer der besten Gipfel, von denen Sie nie gehört haben.
MALHAMHORN: DIE AUSSICHTSLOGE Wer sich auf der steilen Geröllhalde hinauf zum Quirl-Nordwestgrat etwas weiter links hält, läuft dem Malhamhorn (3.186 m) direkt in die Arme. Dieser allerletzte, südlichste Ausläufer des Malhamgrates gibt sich von der Hohen Grube aus ziemlich unscheinbar. Nur ein kleines, plattiges Felsspitzerl ragt aus den allgegenwärtigen Blöcken. Ein Besuch lohnt dennoch - schon allein deshalb, weil sich der Quirl aus dieser Perspektive plötzlich als formschöne Pyramide präsentiert.
Und gegenüber, im Südwesten, wirft sich schon das nächste Gipfelziel in Pose: Der massige Steingrubenkopf (bzw. -kogel).
STEINGRUBENKOPF: PANORAMA-LAUFSTEG Bei ihm irrt der Alpenvereinsführer aber gewaltig: Den (vermutlich noch unbestiegenen) Nordostgrat zum Mal-hamhorn bezeichnet er als „besten Anstieg". Wer in natura vor diesem wuchtigen, haarsträubenden Schiffsbug aus Fels steht, sieht jedoch schnell ein: keine gute Idee! Zumindest, wenn es sich um Durchschnittsbergsteiger mit gesundem Risikoempfinden handelt. Sie überlisten den Steingru-benkopf besser über den vergleichsweise einfachen Südostgrat, direkt von der Ho-hen Grube aus. Das Standard-werk „Dreitausender Osttirols" spricht gar von „einem richtigen Familiendreitausender, der auch mit Ungeübten oder Kindern begehbar ist." Dass Ungeübte und Kinder bei fünf bis sechs Stunden Aufstieg und rd. 1.900 Höhenmetern im Regelfall schon etwas raunzen werden, unterschlägt der Autor elegant.
Zwei Dinge bescheren dem Steingrubenkopf in jedem Fall große Sympathiepunkte: Von allen Dreitausendern, die direkt um die Hohe Grube stehen, verlangt er am wenigs-ten nervtötende „Schuttwühlerei". Und natürlich der ein-zigartige Logenblick. Schon am Südostgrat steht die Glet-scherkuppel der Rötspitze in voller Wucht gegenüber, beim windschiefen Gipfelkreuz wird dann panoramatechnisch noch einmal ein Schäuferl nachgelegt. Da stört auch der „Schönheitsfehler" nicht, dass man in Wahrheit nur am vermeintlichen Gipfel steht. Eine Erhebung nordöstlich da-von scheint noch ein paar Meter höher zu sein, wäre aber nur über ziemlich gruselige Felsen zu erreichen. Das lassen wir lieber.
OGASILSPITZE: PULTDACH MIT GIPFELGLOBUS
Somit bleibt noch der dunklere Kollege auf der anderen Seite der Hohen Grube, der Ogasil (3.032 m): ein schöner Dreikant, der schon vom Virgental aus ins Auge springt. Vor allem das Profil seiner Südflanke zum Umbaltal beeindruckt: ein gleichmäßig steiles Pultdach, exakt wie mit dem Lineal gezogen - ein deutlicher Beleg, dass bei der Gebirgsbildung auch überpenible Ordnungsfanatiker am Reißbrett mitgewirkt haben müssen.
Der Nordnordwestgrat des Ogasils hingegen bietet die netteste Blockkraxelei über der Hohen Grube, und zwar in recht festem Fels. Was aber nur die halbe Wahrheit ist: Am Weg zum Grat lauert nämlich, Sie ahnen es schon, wieder einmal die obligate, mörderisch mühsame Block- und Schuttflanke.
Wer beim originellen Glas-Globus am Gipfel der Ogasilspitze schließlich den Blick schweifen lässt, entdeckt mehr als genug Gründe, um noch ein paar Mal in die Hohe Grube zurückzukommen. Dank neuem Zubringer geht das nun ja viel einfacher. Oder man verwendet den Wiesbauerweg doch einmal zu 100% widmungsgemäß und steigt auf die Wiesbauerspitze respektive Mullwitzkogel. Wie der Stein des medialen Anstoßes nun tatsächlich heißt, ist dort möglicherweise gar nicht mehr so wichtig. Denn am ziemlich feinen Panorama ändert das genau gar nichts. Und unser „Wurstberg" selbst reagiert auf alles Namens-Gezänk ohnehin wie immer in den letzten Jahrtausenden: ihm ist das alles ziemlich wurscht.